Gestern war eine – wie schreibt die Einheitspresse so schön, wenn die BT-Abgeordneten über die Homoehe debattieren dürfen – „Sternstunde des Parlamentarismus“ zu erleben. Live. Allerdings nicht in und für Deutschland, wo sich manche schon nach solchen Proleten wie Herbert Wehner zurücksehnen, weil im Bundestag seit langem weder groß geredet noch entschieden wird.
Der Komet stieg über dem katalanischen Regionalparlament auf und verglühte nach einer guten halben Stunde. Es war lohnenswert, dem katalanischen Regionalpräsidenten Puigdemont zuzuhören, denn der Mann hatte etwas zu sagen, mehr noch: seine unmittelbaren Zuhörer, anders als hierzulande, hatten tatsächlich auch etwas zu entscheiden, und zwar die Lebensfrage ihres Landes: Beschließen wir die Unabhängigkeit oder nicht?
Puigdemont legte präzise dar, welche Gründe und welche Vorgeschichte ihn dazu führten, sich berechtigt zu fühlen, eine Republik Katalonien proklamieren. Und dann kam eine Pointe, die sowohl der Verschmitzheit des Redners wie auch seinem spürbaren Verantwortungsgefühl für sein Volk geschuldet war: Überraschend für Freund und Feind empfahl er „angesichts der angespannten Situation“ ein „noch nicht“, verwies auf die zahlreichen Vermittlungsangebote von Staaten und Persönlichkeiten und schloss, einem friedliebenden Intellektuellen gemäß, der er der Beatles-Frisur und der gepflegten Ausdrucksweise nach auch ist, in Richtung spanischer Zentralregierung: „Wir müssen reden.“
Aber ach, diese verweigert seit Jahr und Tag das Gespräch, was wohl nicht zuletzt an der für EU-Verhältnisse leider typischen Führungskraft Manuel Rajoy liegt, dem weder Korruptionsvorwürfe noch seine offensichtliche Unfähigkeit bisher zu schaffen machten. Komisch, dass unsere Lizenzmedien diesen Aspekt der jetzigen Situation am Liebsten unter den Tisch fallen lassen. Man könnte ja auf dumme Gedanken kommen, auch hierzulande.
11.10. 2017 Friedrich Wilhelmi